Dr. Johannes Kiess: Demokratie in Sachsen
Ein Podcast
Dr. Johannes Kiess: des Else Frenke-Brunsbek-Instituts
Heute
Gideon Wetzel: mit UNATIZ
Una Titz: Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten FBI-Podcast.
Una Titz: Heute sprechen wir über den neuen Digitalreport des Else Frankel-Prunswick-Instituts, kurz FBI.
Una Titz: Im Zentrum stehen zwei thematische Cluster.
Una Titz: Wie nutzen rechtsextreme digitale Plattformen und was lässt sich an einem konkreten
Una Titz: Akteur wie dem dritten Weg über digitale Mobilisierung, Jugendansprache und rechte Raumnahme
Una Titz: ler Ich freue mich sehr, dass ich dazu heute mit Dr.
Una Titz: Johannes Kies und Gideon Wetzel sprechen darf.
Una Titz: Johannes, du bist stellvertretender Direktor des FBI und leitest dort unter anderem
Una Titz: den Bereich Monitoring.
Una Titz: Gideon, du bist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am FP im Bereich Online-Monitoring und hast
Una Titz: dich intensiv mit der digitalen Mobilisierungsstrategie, mit technologischen Infrastrukturen und all things
Una Titz: Far Right beschäftigt
Una Titz: Und nun auch kurz zu mir, where I am.
Una Titz: Before we are the
Una Titz: quasi on the blog and the neuen Report spread, würde ich kurz
Una Titz: über das Format selbst sprechen.
Una Titz: Was ist der Digital Report des FB und warum braucht es ihn?
Dr. Johannes Kiess: Ja, wir haben2021 vor dem Hintergrund der Mobilisierung, vor allem in Sachsen,
Dr. Johannes Kiess: zum Thema Corona, Corona-Maßnahmen festgestellt, dass es so einen lokalen oder regionalen
Dr. Johannes Kiess: Fokus in der Berichterstattung oder vor allem im Wissenschaftlichen Monitoring nicht so
Dr. Johannes Kiess: richtig gibt.
Dr. Johannes Kiess: Und die Lage war so dynamisch, dass wir gesagt haben, wir müssen
Dr. Johannes Kiess: da hingucken.
Dr. Johannes Kiess: Wir wollen Telegram angucken, das war der Startpunkt als Plattform.
Dr. Johannes Kiess: Und wir wollen einen Sachsen-Bezug haben und wir wollen das aber auch
Dr. Johannes Kiess: direkt in einem Format
Dr. Johannes Kiess: aufschreiben und unter die Leute bringen, veröffentlichen.
Dr. Johannes Kiess: Und dafür haben wir eben überlegt, machen wir einen Digitalreport, also ein
Dr. Johannes Kiess: möglichst niedrigschwellig formuliertes Format, nicht gleich Peer-Reviewed Fachzeitschriftsartikel, sondern eher
Dr. Johannes Kiess: an dieÖffentlichkeit gerichtet, einen Report, der in kurzen Beiträgen schlaglichter auf einzelne
Dr. Johannes Kiess: Phänomene, auf thematische Schwerpunkte extrem rechter und verschwörungsideologischer Mobilisierung in Sachsen wirft.
Una Titz: Cool, danke.
Una Titz: Gideon. Ich wollte dich auch fragen: Johannes hatte eben den Sachsen-Bezug erwähnt.
Una Titz: Warum ist Sachsen wichtig?
Una Titz: Vielleicht kannst du mir das auch nochmal beantworten.
Gideon Wetzel: Ja, wenn ich mich da nochmal zurückerinnere, das war ja auch Ende2021,
Gideon Wetzel: Hochzeit der Pandemie.
Gideon Wetzel: Und wir hatten besonders in Sachsen auch viele Montagsproteste, die sich gegen
Gideon Wetzel: die Pandemiemaßnahmen gerichtet hatten.
Gideon Wetzel: Und gleichzeitig ist Sachsen ja auch bekannt für eine schon lang zurückreichende
Gideon Wetzel: rechte Szene, starke Vernetzungen, rechte Akteure und die haben eben in dieser
Gideon Wetzel: Zeit dann eben diese Proteste auch genutzt, um da eben Anschluss zu
Gideon Wetzel: finden, die auch für ihre Zwecke zu verwenden.
Gideon Wetzel: Und dadurch, dass eben sich auch insbesondere durch die Maßnahmen viel auch
Gideon Wetzel: online abgespielt hat, hat sich insbesondere auch die Plattform Telegram rausgebildet, auf
Gideon Wetzel: der wir dann tatsächlich auch feststellen konnten, dass es auch so regionale
Gideon Wetzel: Gruppen gab.
Gideon Wetzel: Also, wo man ja immer denkt, dass das Internet worldwide ist, konnten
Gideon Wetzel: wir direkt auch so sächsische Gruppen feststellen.
Gideon Wetzel: Und darüber eben auch sehen, wie sich eben diese verschiedenen Milieus auch
Gideon Wetzel: mischen, vernetzen.
Gideon Wetzel: Ja, man spricht halt unter anderem jetzt auch von so einer Mosaikrechten.
Gideon Wetzel: Und da ist eben Sachsen ein Hotspot gewesen und auch eben exemplarisch
Gideon Wetzel: für Dynamiken im gesamten Bundesgebiet.
Una Titz: Okay, das war jetzt schon ein sehr starker Überblick, und ich würde
Una Titz: hiermit auch gerne einen Blick auf die aktuelle Publikation werfen.
Una Titz: Und zwar Johannes, einer eurer Texte, den du zusammen mit Julia Dresselhaus
Una Titz: geschrieben hast, trägt den Titel Senden auf allen Kanälen.
Una Titz: Das klingt erstmal nach einer rechten Omnipräsenz im Netz.
Una Titz: Stimmt das überhaupt?
Dr. Johannes Kiess: Also man kann schon sagen, dass extrem rechte Akteure, Neonazis, extrem rechte
Dr. Johannes Kiess: Parteien, Bewegungsakteure, auch Einzelpersonen als Influencer auf allen Plattformen,
Dr. Johannes Kiess: die einem so einfallen, die man so findet, irgendwo spielen sie immer
Dr. Johannes Kiess: eine Rolle.
Dr. Johannes Kiess: Die Frage ist natürlich, wie dominant, wie wichtig sind diese Plattformen eigentlich
Dr. Johannes Kiess: und wie dominant ist die rechtsextreme Präsenz dort.
Dr. Johannes Kiess: Und da gibt es große Unterschiede.
Dr. Johannes Kiess: Ich habe es vorhin eingangs schon erwähnt: die AfD, die auf Facebook
Dr. Johannes Kiess: schon in ihren ersten Bundestagswahlkämpfen sehr erfolgreich war, da weit vor den
Dr. Johannes Kiess: anderen Parteien auch mobilisieren konnte.
Dr. Johannes Kiess: Wir hatten dann ein ähnliches Phänomen nochmal mit der AfD bei TikTok,
Dr. Johannes Kiess: dass sie da so gehypt wurden und gesagt wurde, ja, die AfD
Dr. Johannes Kiess: haben verstanden, wie TikTok funktioniert und die anderen Parteien finden gar nicht
Dr. Johannes Kiess: statt. Und dann muss man immer ein bisschen gucken, ist das wirklich
Dr. Johannes Kiess: so? Also trägt diese Zuschreibung wirklich?
Dr. Johannes Kiess: Bei TikTok konnten wir letztes Jahr zeigen, dass das bis zum gewissen
Dr. Johannes Kiess: Punkt gestimmt hat, aber dann auch andere Parteien eben angefangen haben, sich
Dr. Johannes Kiess: mehr mit der Plattform zu beschäftigen und dann auch erfolgreicher wurden.
Dr. Johannes Kiess: Und das ist so ein Muster, dass Extremrechte Akteure, wir sprechen ja
Dr. Johannes Kiess: nicht
Dr. Johannes Kiess: von einer Szene oder von einem Akteur, der das alles steuert, auch
Dr. Johannes Kiess: wenn es mit der AfD eben so eine Rahmenpartei gibt, die doch
Dr. Johannes Kiess: relativ dominant ist für das Spektrum.
Dr. Johannes Kiess: Aber es gibt so viele unterschiedliche Akteure, die eben dann auch auf
Dr. Johannes Kiess: jeder Plattform, die ja wieder unterschiedlich funktionieren, auch so ihre Nische finden.
Dr. Johannes Kiess: Also auf Instagram ist es dann eben doch schon sehr stark so
Dr. Johannes Kiess: eine Inszenierung von extrem rechtem Lifestyle oder
Dr. Johannes Kiess: nostalgischen Anspielungen, was mit Parteiwerbung gar nicht so viel zu tun hat
Dr. Johannes Kiess: und was da gar nicht so sehr stattfindet, werden das auf Facebook
Dr. Johannes Kiess: zum Beispiel, wo dann viele Nachrichten geteilt werden, oder auch auf X
Dr. Johannes Kiess: ehemals Twitter.
Dr. Johannes Kiess: Da ist eine ganz andere Dynamik und da spielen so parteiförmige Akteure
Dr. Johannes Kiess: dann eben auch eine größere Rolle.
Dr. Johannes Kiess: Also es kommt ein bisschen darauf an, welche Akteure guckt man sich
Dr. Johannes Kiess: eigentlich an und welche Plattformen, guckt man sich an.
Dr. Johannes Kiess: Und dann ist für uns eben interessant, einerseits, was sind die Strategien,
Dr. Johannes Kiess: die technologischen Kniffe, kann man vielleicht auch sagen, der extrem Rechten.
Dr. Johannes Kiess: Einerseits, und was machen eigentlich die Plattformen, welche Logiken, welche Tools bieten
Dr. Johannes Kiess: sie auch?
Dr. Johannes Kiess: Und ein Stück weit natürlich versuchen wir auch zu verstehen, wie die
Dr. Johannes Kiess: Algorithmen funktionieren.
Dr. Johannes Kiess: Also welche Dinge funktionieren denn eigentlich ganz gut?
Dr. Johannes Kiess: Bei Telegram war es nie der Algorithmus, der entscheidend ist.
Dr. Johannes Kiess: Das ist dort gar nicht im Zentrum, sondern da war es wirklich
Dr. Johannes Kiess: diese Möglichkeit, lokale Gruppen zu gründen.
Dr. Johannes Kiess: Deswegen war das da in Sachsen, also für Sachsen auch so relevant,
Dr. Johannes Kiess: weil wir dann wirklich auch gucken konnten, wie eigentlich about the pandemic
Dr. Johannes Kiess: and other things in clean groups discutiert and welche extrem rechten Narrative,
Dr. Johannes Kiess: Nachrichten, Fake News, what are in these groups geteilt.
Dr. Johannes Kiess: Und wenn man das mal kontrastiert mit TikTok, was eine Plattform, die
Dr. Johannes Kiess: total algorithmusgetrieben ist, dann sieht man, wie groß die Spannbreite eigentlich ist.
Dr. Johannes Kiess: Weil auf TikTok kann ich sehr gut mit Emotionen Werbung schalten, wenn
Dr. Johannes Kiess: man so will, also
Dr. Johannes Kiess: Partei oder sonstige ideologische Narrative setzen und der Algorithmus sorgt dann eigentlich
Dr. Johannes Kiess: für die Verbreitung.
Una Titz: Okay, du hast jetzt schon quasi ein bisschen
Una Titz: die einzelnen Plattformen erwähnt und auch die Akteursstrategien, aber blicken wir mal
Una Titz: auf Komparatistik.
Una Titz: Beziehungsweise, was sieht man, wenn man diese Plattform
Una Titz: und das, was auf ihnen passiert, vergleichend betrachtet?
Dr. Johannes Kiess: Also, ein bisschen habe ich es ja angedeutet, dass die Plattformen eigentlich
Dr. Johannes Kiess: alle eine eigene Logik haben oder nicht alle haben eine eigene Logik,
Dr. Johannes Kiess: aber es gibt sehr unterschiedliche Plattformen.
Dr. Johannes Kiess: Wir haben zum Beispiel mit Roblox, einer Plattform, die eigentlich für Jugendliche
Dr. Johannes Kiess: und Minderjährige gedacht ist, wo sie Spiele spielen können, Online-Spiele spielen können,
Dr. Johannes Kiess: eine Plattform, ein Feld, wo extrem rechte Akteure rekrutieren können, wo sie
Dr. Johannes Kiess: sozusagen im vorpolitischen Raum mit Symboliken arbeiten können und junge Menschen vielleicht
Dr. Johannes Kiess: noch nicht radikalisieren, aber zumindest heranziehen können an ihre ideologischen Positionen.
Dr. Johannes Kiess: Wenn dann eine zweite Plattform wie Discord, wo worüber gechattet wird, worüber
Dr. Johannes Kiess: Absprachen während Spiele im Gange sind, häufig stattfinden, wenn ich es schaffe,
Dr. Johannes Kiess: Jugendliche, junge Menschen in diese über Discord dann zu rekrutieren oder in
Dr. Johannes Kiess: so eine gewisse Szene hineinzuziehen, dann kann ich sie dort eben ideologisieren,
Dr. Johannes Kiess: dann kann ich sie dort, wenn man so möchte, weiterbilden, in Anführungsstrichen.
Dr. Johannes Kiess: Und dann haben wir es in diesem Kosmos von Plattformen eben sehr
Dr. Johannes Kiess: stark mit dem Thema Radikalisierung zu tun.
Dr. Johannes Kiess: Wenn man das vergleicht mit Plattformen wie TikTok, Facebook, auch YouTube, dann
Dr. Johannes Kiess: geht es dort vielmehr um Massenwirksamkeit, also um Mobilisierung von Emotionen, von
Dr. Johannes Kiess: Narrativen, von Einstellungen, die eh da sind in der Bevölkerung.
Dr. Johannes Kiess: Also es ist nicht so, dass die AfD oder die NPD oder
Dr. Johannes Kiess: wer auch immer Rassismus erfunden hätte oder Antisemitismus erfunden hätte, der ist
Dr. Johannes Kiess: ja da.
Dr. Johannes Kiess: Und es geht auf diesen Plattformen dann darum, mit der Setz von
Dr. Johannes Kiess: Narrativen, mit Aufregern diese Gefühle, diese ideologischen Fragmente, die da sind, zu
Dr. Johannes Kiess: mobilisieren. Also hier viel stärker eine Mobilisierungslogik als eben eine Radikalisierungslogik.
Dr. Johannes Kiess: Auf den meisten Plattformen greift es auch ineinander.
Dr. Johannes Kiess: Ich kann auf YouTube eben immer weiter in solche Scheinwelten
Dr. Johannes Kiess: noch die krassere Story und so weiter hineinbegeben und dann führt es
Dr. Johannes Kiess: auch zu einer weiteren Radikalisierung.
Dr. Johannes Kiess: Und genauso kann ich auf Discord auch eine Mobilisierung anstiften.
Dr. Johannes Kiess: Aber so von der Idee her kann man die Plattformen schon aufteilen
Dr. Johannes Kiess: und auch die Bewegungsakteure, also die extrem rechten Akteure, was sie eigentlich
Dr. Johannes Kiess: für Ziele verfolgen und was auf diesen Plattformen möglich ist.
Una Titz: Okay, vielen Dank.
Una Titz: Ich versuche jetzt gerade mal ein Bild aufzustellen und du erzählst mir,
Una Titz: ob das Quatsch ist oder nicht.
Una Titz: Also so wie ich dich gehört habe, könnte man fast von einem
Una Titz: Funnel rechtsextremer Strategien im Online-Bereich sprechen.
Una Titz: Also es gibt Plattformen, die zum Beispiel für Reichweite gut
Una Titz: funktionieren, die dann quasi oben im Trichter sind, die sensibilisieren sollen, mit
Una Titz: dem Ziel, dass man nach unten gefunnelt oder getrichtert wird bis zur
Una Titz: Rekrutierung beispielsweise auf Discord.
Una Titz: Ich nenne dieses Visualisierungsbeispiel, weil einige Hörerinnen sich doch irgendwie mit Bildern
Una Titz: leichter tun.
Una Titz: Und würde das etwas sein, das du selbst unterstreichst, oder wo du
Una Titz: denkst, da gibt es Anknüpfungspunkte?
Dr. Johannes Kiess: Genau, das ist ein Mechanismus, den man sehen kann, dass es diesen
Dr. Johannes Kiess: Trichter gibt, in denen versucht wird, Menschen hineinzuziehen, beziehungsweise ihnen sozusagen,
Dr. Johannes Kiess: also die Menschen, man muss auch immer sehen, dass Radikalisierung dort besonders
Dr. Johannes Kiess: gut funktioniert, wo Menschen das auch wollen.
Dr. Johannes Kiess: Also ein Bedürfnis nach noch radikaleren, noch krasseren Geschichten haben.
Dr. Johannes Kiess: Und das funktioniert dann wie so ein Trichter.
Dr. Johannes Kiess: Ich würde nur noch mal eine andere Vergleichsebene aufmachen und das kann
Dr. Johannes Kiess: man auch bildlich vorstellen.
Dr. Johannes Kiess: Es gibt immer auch ein Innen und Außen.
Dr. Johannes Kiess: Also extrem rechte Akteure wollen nicht nur nach außen Reichweite generieren, mobilisieren,
Dr. Johannes Kiess: Masse erzeugen, sondern sie wollen auch nach innen Kohäsion verstärken, also die
Dr. Johannes Kiess: eigenen Leute organisieren, stärker an eine bestimmte Ausrichtung binden, also ideologisch festigen.
Dr. Johannes Kiess: Also dieses Innen- und Außen spielt auf den unterschiedlichen Plattformen dann in
Dr. Johannes Kiess: unterschiedlichem Maße, aber das spielt auch eine große Rolle.
Una Titz: Jetzt werde ich dich ein bisschen herausfordern mit einem Begriff, der mir
Una Titz: tatsächlich sehr oft vor die Linse kommt, beziehungsweise zu dem ich auch
Una Titz: immer wieder um Einschätzung gebeten werde.
Una Titz: Und zwar der vermeintliche, der üble Empfehlungsalgorithmus.
Una Titz: Was verändert sich, wenn eben Plattformen nicht mehr primär über klassische Algorithmen
Una Titz: oder Followerinnen-Netzwerke funktionieren, wie beispielsweise Telegram, sondern über einen Empfehlungsalgorithmus und warum
Una Titz: sind dann Kurzvideos, was du auch eingangs erwähnt hattest, so attraktiv?
Dr. Johannes Kiess: Also, diese Empfehlungsalgorithmen sind deswegen so effektiv und so, ja, wir werden
Dr. Johannes Kiess: darauf darauf angesprochen, oder das ist so ein großes Thema, weil sie
Dr. Johannes Kiess: uns eigentlich besser verstehen, als wir uns selber verstehen.
Dr. Johannes Kiess: Der Algorithmus merkt innerhalb von Sekundenbruchteilen, was meine Aufmerksamkeit bindet.
Dr. Johannes Kiess: Meistens eigentlich viel schneller als ich selber.
Dr. Johannes Kiess: Und das machen sich verschiedene Akteure, Leute, die Werbung machen, InfluencerInnen und
Dr. Johannes Kiess: eben auch extrem rechte AkteurInnen, machen sich das zunutze, weil sie eben
Dr. Johannes Kiess: vor allem auf dieser emotionalen, affektuellen Ebene arbeiten und dann einfach ausprobieren
Dr. Johannes Kiess: tatsächlich. Also es ist nicht so, dass die den Algorithmus kennen würden
Dr. Johannes Kiess: oder verstehen würden, aber sie haben verstanden, durch Trial and Error, also
Dr. Johannes Kiess: wirklich durch Ausprobieren verstanden, welche Nachrichten, welche Art von Farbgebung auch, welche
Dr. Johannes Kiess: Töne, welche Musik auch Leute anspricht und welche Videos erfolgreich sind.
Dr. Johannes Kiess: Und dann mache ich eben immer mehr von den Videos, die erfolgreich
Dr. Johannes Kiess: sind. Und das ist eigentlich alles, was dieser Algorithmus tut.
Dr. Johannes Kiess: Und das macht ihn aber so wirkmächtig, weil er eben auf der
Dr. Johannes Kiess: vorbewussten Ebene ansetzt und ich mich da als Konsument oder als Konsumentin
Dr. Johannes Kiess: eigentlich kaum dagegen wehren
kann.
Una Titz: Gideon, als absoluter Experte für Online-Monitoring, würde ich auch nochmal deine Perspektive
Una Titz: darauf hören.
Gideon Wetzel: Also ich würde auch noch ergänzen, das ist ja so ein Algorithmus,
Gideon Wetzel: der so auf dem Freundschaftsnetzwerk basiert, dann hat man ja auch noch
Gideon Wetzel: so eine gewisse soziale Kontrolle über sein Freundesnetzwerk.
Gideon Wetzel: Und das wird ja komplett umgangen mit diesem Empfehlungsalgorithmus.
Gideon Wetzel: Der durchbricht ja diese Barriere und dadurch haben es natürlich vor allen
Gideon Wetzel: Dingen auch extrem rechte oder radikale Akteure leicht, noch mehr Leute zu
Gideon Wetzel: erreichen. Das war so dem Teil dann auch dadurch, dass sie eben
Gideon Wetzel: globale Trends nutzen, da irgendwie aufspringen, das imitieren, um dann quasi in
Gideon Wetzel: diesen Trendstream so reinzurutschen und dann eben auch Leute zu erreichen, die
Gideon Wetzel: sonst nie sich wahrscheinlich damit beschäftigt hätten.
Gideon Wetzel: Genau, es sind nicht mehr so natürliche Empfehlungen über Freunde und man
Gideon Wetzel: muss da erst jemanden kennen, um reinzukommen, sondern das wird quasi übersprungen
Gideon Wetzel: und man hat direkten Kontakt mit diesen Akteuren.
Una Titz: Frage an euch beide, wenn ihr TikTok, Instagram, YouTube, Telegram, Discord, Roblox
Una Titz: und so weiter nebeneinander legt, wo entstehen aus eurer Sicht die gefährlichsten
Una Titz: Übergänge zwischen zum einen digitaler Kultur und realer Mobilisierung und auch Szenezugehörigkeit.
Una Titz: Das ist eine Kompositfrage, aber ich stelle Sie bewusst komplex.
Gideon Wetzel: Ich denke mal, der Übergang ist auch immer quasi in so private
Gideon Wetzel: Chats hinein.
Gideon Wetzel: Und das haben ja eigentlich die meisten Plattformen, diese Funktion.
Gideon Wetzel: Die haben natürlich oft so eine außenwirkende Funktion, gerade so TikTok, Instagram.
Gideon Wetzel: Aber sobald es eben in so
Gideon Wetzel: quasi abgeschlossene Räume übergeht, da sind dann die Möglichkeiten, quasi so isolierte
Gideon Wetzel: Kommunikation zu betreiben.
Gideon Wetzel: Es gibt jetzt natürlich diese Messenger-basierten Netzwerke wie Telegram, WhatsApp und so,
Gideon Wetzel: wo das quasi schon die Hauptaufgabe ist, also private Chats.
Gideon Wetzel: Da muss man aber immer erst reinkommen und die großen Plattformen bieten
Gideon Wetzel: natürlich die Möglichkeiten, eben diese Angeln auszuwerfen und
Gideon Wetzel: da Leute zu erreichen und dann eben auf diese internen Plattformen,
Gideon Wetzel: internen Chats und so weiter zu verweisen, zu verleiten.
Gideon Wetzel: Also da sind die Übergänge.
Gideon Wetzel: Also das kann über eine private Message sein, über eine Kommentarfunktion und
Gideon Wetzel: dann auch über eine, hey, komm doch in unsere Telegram-Gruppe.
Gideon Wetzel: Also dann quasi der Sprung in die weniger regulierten, weniger überwachten, auch
Gideon Wetzel: privateren, internen Gruppen.
Gideon Wetzel: Da sehe ich auf jeden Fall auch ein Potenzial.
Dr. Johannes Kiess: Also eine meiner Thesen bei diesem ganzen Digitalmonitoring, das wir jetzt seit
Dr. Johannes Kiess: fünf Jahren machen, ist, dass man eigentlich nicht mehr von einer Trennung
Dr. Johannes Kiess: zwischen dem Analogen und dem Digitalen ausgehen kann.
Dr. Johannes Kiess: Und dass bei Telegram eben über diese Gruppen, bei TikTok, über die
Dr. Johannes Kiess: Videos, die dann alle kennen, weil sie viral gegangen sind, die Jugendlichen
Dr. Johannes Kiess: zeigen sich das untereinander auf dem Schulhof und so weiter.
Dr. Johannes Kiess: Das ist ja überhaupt nicht mehr getrennt.
Dr. Johannes Kiess: Also, so wie das vielleicht bei Facebook noch war, Anfang der2010er Jahre,
Dr. Johannes Kiess: dass man Facebook halt angemacht hat und dann hat man da was
Dr. Johannes Kiess: gesehen und dann hat man das, aber das gibt es natürlich auch,
Dr. Johannes Kiess: aber das war immer noch ein Stück weit getrennt - eigentlich von
Dr. Johannes Kiess: der analogen Welt da draußen.
Dr. Johannes Kiess: Man hat dann darüber geredet, im privaten Umfeld, offline sozusagen.
Dr. Johannes Kiess: Und inzwischen gibt es da eigentlich kaum noch eine Trennung.
Dr. Johannes Kiess: Und das liegt an vielen Dingen.
Dr. Johannes Kiess: Diese sozialen Medien machen ein Stück weit ja auch süchtig, kann man
Dr. Johannes Kiess: sagen. Sie durchdringen unserem Leben, weil wir kaum mehr davon ablassen können.
Dr. Johannes Kiess: Aber es gibt eben auch so viele Plattformen, die die Menschen in
Dr. Johannes Kiess: ganz unterschiedlichen Gruppen, in ganz unterschiedlichen Milieus abholen.
Dr. Johannes Kiess: Und da gibt es dann eigentlich ganz viele Schnittstellen.
Dr. Johannes Kiess: Also es ist eben zum Beispiel das Freizeitverhalten auf Spieleplattformen.
Dr. Johannes Kiess: Früher hat man auch schon LAN-Partys und Online-Spiele gemacht, aber das war
Dr. Johannes Kiess: nicht eine Plattform, die dann auch noch die Möglichkeit zu Austausch, zum
Dr. Johannes Kiess: Kreieren von Avatars und eigenen Identitäten.
Dr. Johannes Kiess: Diese Möglichkeiten gab es so nicht, zumindest nicht in dieser Umfasstheit.
Dr. Johannes Kiess: Das ist nur ein Bereich.
Dr. Johannes Kiess: Ich habe diesen ganzen Lifestyle-Bereich, wo ich mich über Freizeit, Urlaub und
Dr. Johannes Kiess: so weiter essen gehen, austausche auf Instagram oder auch auf TikTok.
Dr. Johannes Kiess: Also da gibt es so viele Bereiche des täglichen Lebens, die mit
Dr. Johannes Kiess: ihren eigenen Plattformen quasi versorgt werden oder und ich würde eben sagen,
Dr. Johannes Kiess: durchdrungen werden, sodass da ganz vielfältige Überschneidungs- oder Übergangsmöglichkeiten zwischen dem digitalen
Dr. Johannes Kiess: und dann eben auch der digitalen Mobilisierungsstrategien extrem rechter Akteure und dem
Dr. Johannes Kiess: analogen, dem echten Leben, wie man vielleicht früher noch gesagt hätte, gibt.
Dr. Johannes Kiess: Und deswegen würde ich sagen, es gibt eben gar nicht mehr diese
Dr. Johannes Kiess: Trennung zwischen dem echten Leben da draußen und den digitalen Medien.
Dr. Johannes Kiess: Das greift heutzutage ineinander.
Ja,
Gideon Wetzel: Markus Bösch spricht ja auch vom postdigitalen Zeitalter.
Gideon Wetzel: Also, ich habe auch kurz überlegt, was meint er damit, aber er
Gideon Wetzel: meinte im Prinzip ja, dass man eben nicht mehr diese Trennung hat
Gideon Wetzel: in digital und analog, sondern dass eben dass man es zusammen denken
Gideon Wetzel: muss, dass quasi das digitale, das reale Leben mit bestimmt und andersrum.
Gideon Wetzel: Wie du auch schon meintest, man kommt nicht dran vorbei.
Gideon Wetzel: Also Verwaltung oder Nachbarschaftseltern, Gruppen, alles ist digital und es ist
Gideon Wetzel: sehr schwer, sich diesem Digitalen zu entziehen.
Gideon Wetzel: Und es bestimmt sich gegenseitig.
Una Titz: Okay, letzte Frage an euch aus diesem Blog und die kann ich
Una Titz: mir nicht verkneifen.
Una Titz: Lieblingshassplattform von mir.
Una Titz: Ex. Mögt ihr noch ein paar Worte dazu verlieren von Elon Musks
Una Titz: Trümmerhaufen?
Dr. Johannes Kiess: Ja, Trümmerhaufen passt insofern, als
Dr. Johannes Kiess: X ja seine, zumindest in Europa, seine Vormachtstellung in derÖffentlichkeit, in der
Dr. Johannes Kiess: politischenÖffentlichkeit ja auch eingebüßt hat, was aber tatsächlich zweischneidig ist.
Dr. Johannes Kiess: Also auf der einen Seite ist es gut, dass es darauf eine
Dr. Johannes Kiess: Reaktion gab, dass da sozusagen völlig alle Schranken gefallen sind.
Dr. Johannes Kiess: Und ich würde sagen, auch bewusst von Elon Musk, dass die Plattform
Dr. Johannes Kiess: auch als Waffe eingesetzt wird zur Desinformation und zur Mobilisierung.
Dr. Johannes Kiess: Aber gleichzeitig hatten wir uns ja eigentlich daran gewöhnt, dass wir die
Dr. Johannes Kiess: politischeÖffentlichkeit, die über verschiedene Zeitungen, Fernsehkanäle hergestellt wird,
Dr. Johannes Kiess: in der digitalen Welt ja auch ihre Entsprechung braucht.
Dr. Johannes Kiess: Und X hat oder Twitter damals hat eben ein Stück weit diese
Dr. Johannes Kiess: Funktion erfüllt, einen gemeinsamen Austauschraum für politische Ideen darzustellen.
Dr. Johannes Kiess: Und der ist durch Mask zerstört worden oder in eine bestimmte Richtung
Dr. Johannes Kiess: gedreht worden und entfällt damit auch in seiner positiven Funktion für die
Dr. Johannes Kiess: politischeÖffentlichkeit. Also, ich bin da tatsächlich sehr ambivalent, was das angeht, wie
Dr. Johannes Kiess: man diesen Wandel, also wie man den Wandel betrachten muss oder bewerten
Dr. Johannes Kiess: sollte, bin ich nicht ambivalent, aber was die Rolle von X als
Dr. Johannes Kiess: Plattform, also Möglichkeit auch bedeutet hat, als es noch Twitter hieß, da
Dr. Johannes Kiess: bin ich durchaus ambivalent, weil es durchaus auch eine Funktion hatte.
Dr. Johannes Kiess: Ich
Gideon Wetzel: finde halt, das zeigt irgendwie auch, was passiert, wenn man halt ein
Gideon Wetzel: Teil derÖffentlichkeit in private Hände gibt.
Gideon Wetzel: Es ist eigentlich nur ein zuspitzendes Beispiel davon.
Gideon Wetzel: Das kann mit jeder Plattform passieren und bei X war es halt
Gideon Wetzel: sehr krass auf jeden Fall, aber ich würde sagen, es ist ein
Gideon Wetzel: Beispiel, was da passieren kann.
Gideon Wetzel: Und plädiere eigentlich auch dafür, dass eben weil es eben ein öffentlicher
Gideon Wetzel: Raum ist, dass es eben auch in öffentlicher Hand sein sollte.
Una Titz: Ich würde den Blick tatsächlich wenden auf einen sehr konkreten Fall, nämlich
Una Titz: einen Beitrag von dir, Gideon.
Una Titz: Du hast dir für den Digital Report
die
Una Titz: Mobilisierungsstrategie des dritten Weg angeschaut.
Una Titz: Der dritte Weg ist mit rund950 Mitgliedern formal eine Kleinpartei, gilt aber
Una Titz: als gut organisierter, klar gewaltorientierter und besonders charaförmiger rechtsextremer
Una Titz: Akteur.
Und
Una Titz: warum lohnt es sich überhaupt, über diesen Akteur zu sprechen oder ihn
Una Titz: zu betrachten?
Gideon Wetzel: Ja, genau, also es ist eine sehr kleine Partei, aber ich denke,
Gideon Wetzel: also das wird vielleicht gleich im Gespräch noch deutlich.
Gideon Wetzel: Sie haben sehr einen starken Einfluss auf die öffentliche Wirkung der extremen
Gideon Wetzel: Rechten, auch auf den Diskurs der Rechten.
Gideon Wetzel: Und sie haben vor allen Dingen ein in sich geschlossenes System, was
Gideon Wetzel: denke ich, auch für manche in der Rechten attraktiv erscheinen mag.
Gideon Wetzel: Und adressieren damit insbesondere eben auch Jugendliche, also die halt, denke ich,
Gideon Wetzel: in ihren Augen auch noch als formbar wahrgenommen werden.
Gideon Wetzel: Und ja, sie sehen sich eben selbst als eine Elite an und
Gideon Wetzel: wollen dann quasi Charter schulen.
Gideon Wetzel: Und das stärkt zum einen, denke ich, die eigene Bewegung, aber auch
Gideon Wetzel: kann natürlich dafür sorgen, dass diese Kater wiederum neue Gruppierungen aufbauen.
Gideon Wetzel: Und insbesondere, wenn man sich dann noch diesen Aspekt der Gewaltbereitschaft anschaut,
Gideon Wetzel: denke ich, dass das eben auch dann
Gideon Wetzel: einfach eine Gefahr auf der Straße für marginalisierte Gruppen darstellt, was man
Gideon Wetzel: ja auch schon an Übergriffen sieht.
Gideon Wetzel: Genau, und ich denke, dass sie da eben auch eine Vorbildfunktion haben.
Gideon Wetzel: Selbst wenn extrem rechte Jugendliche nicht Mitglied sind, schauen sie eben zu
Gideon Wetzel: dieser Bewegung zum Teil auf, was ich feststellen konnte.
Una Titz: Okay, du hast editäres Verständnis gesagt und da nochmal nachgehorcht, was bedeutet
Una Titz: das überhaupt, wenn der dritte Weg sich als Avantgarde oder als die
Una Titz: Philosophenkönige der Rechtsextremen verstehen?
Wir
Gideon Wetzel: haben ja selbst mit dem Spruch, wir nehmen nicht jeden, aber vielleicht
Gideon Wetzel: genau dich.
Gideon Wetzel: Es hat natürlich irgendwie so einen Reiz, denke ich, für junge Menschen
Gideon Wetzel: dann so als was Besonderes angesehen zu werden.
Gideon Wetzel: Und fördert, glaube ich, auch eine starke Bindung dann an diese Bewegung.
Gideon Wetzel: Und wir sehen ja eben auch, dass die sehr allumfassend große Teile
Gideon Wetzel: des Lebens Einfluss drauf hat.
Gideon Wetzel: Also Gemeinschaftsbildung, gemeinsamer Sport, gemeinsames Wandern, politischer Aktivismus ist immer stark damit
Gideon Wetzel: verwoben und eben auch, das wird dann wiederum auch online reproduziert.
Una Titz: Ich merke, wir sind jetzt schon sehr tief gesprungen und vielleicht einen
Una Titz: Schritt zurück.
Una Titz: Wie ist der dritte Weg überhaupt historisch entstanden
und
Una Titz: welche Rolle spielt denn dabei dieser ganzen anderen Strukturen rund um NPD,
Una Titz: Freie Kameradschaften und
Gideon Wetzel: das Freie Netz Süd?
Gideon Wetzel: Genau, das Freie Netz Süd, du sagst es schon, das war so
Gideon Wetzel: ein Dachverein von den Freien Kameradschaften, was ja eben auch im Versuch
Gideon Wetzel: war, außerparlamentarisch solche radikalen Strukturen in der extrem Rechten aufzubauen.
Gideon Wetzel: Und dieses Freie Netz Süd, was insbesondere in Süddeutschland, Bayern aktiv war,
Gideon Wetzel: wurde eben2014 verboten,2013,2014.
Gideon Wetzel: Und genau in der Zeit ist eben auch der dritte Weg entstanden.
Gideon Wetzel: Eben auch aus ehemaligen Mitgliedern des Freien Netz Süd und auch ehemaligen
Gideon Wetzel: Mitglieder der MPD.
Gideon Wetzel: Also der Vorsitzende zuerst war Klaus Armstorff, der vorher Landesvorsitzender
Gideon Wetzel: der MPD in Rheinland-Pfalz war.
Gideon Wetzel: Und dann wurde der später abgelöst durch Matthias Fischer, der war zum
Gideon Wetzel: Beispiel auch Vorsitzender der Jugendorganisation der MPD in Bayern, also der JN,
Gideon Wetzel: und ist amtierender Vorsitzender vom dritten Weg und stellvertretende ist immer noch
Gideon Wetzel: Klaus Armstorf dabei.
Gideon Wetzel: Genau, man könnte das eben auch als Versuch werden, dass eben diese
Gideon Wetzel: bestehenden Strukturen des Freien Netzüds eben auch in einer Parteiform übergebracht werden
Gideon Wetzel: sollte, um eben auch diesen Parteischutz zu haben.
Gideon Wetzel: Und dadurch, dass sie eben in Bayern ursprünglich ansässig waren, hat sich
Gideon Wetzel: auch der dritte Weg zunächst in Süddeutschland ausgebreitet.
Gideon Wetzel: Und mittlerweile haben sie aber auch einen starken Standort im Osten der
Gideon Wetzel: Republik und unter anderem aber auch in Baden-Württemberg, Südhäussen oder
Gideon Wetzel: Westerwald-Sauerland-Tiecke.
Una Titz: Okay, jetzt haben wir schon nur über ein paar
Una Titz: Stützpunkte gesprochen und Lokalisierungen in Deutschland, aber warum sind sie jetzt für
Una Titz: Sachsen wichtig?
Gideon Wetzel: Also, also genau der dritte Weg gliedert sich eben in diese Stützpunkte.
Gideon Wetzel: Darüber baut er quasi seine Strukturen aus und wir haben eben verhältnismäßig
Gideon Wetzel: viele Stützpunkte mittlerweile in Sachsen und das sind auch sehr aktive Stützpunkte.
Gideon Wetzel: Also besonders in Sachsen haben wir eben in Westsachsen, Ostsachsen, Nordsachsen, Schrägstrich,-Leipzig
Gideon Wetzel: und Vogtland jeweils ein Stützpunkt.
Gideon Wetzel: Und gerade Westsachsen und Vogtland sind sehr aktiv.
Gideon Wetzel: Und in jüngster Zeit hat sich eben auch gerade im Bereich Ostsachsen
Gideon Wetzel: im Raum Bautzen nochmal so ein Personenkreis rausgebildet, der vor allen Dingen
Gideon Wetzel: für die Online-Mobilisierung sehr stark involviert ist.
Gideon Wetzel: Und da gab es diverse Zuzüge.
Gideon Wetzel: Also, da ist zum Beispiel auch so ein Influencer des dritten Weges
Gideon Wetzel: aus dem Allgäu nach Bautzen gezogen vor ein paar Jahren.
Gideon Wetzel: Dann konnte man beobachten, dass zum Beispiel auch das deutsche Nationale Rap-Label
Gideon Wetzel: Neuer Deutscher Standard, kurz NES Records, die ja ihren Sitz im Bautzen
Gideon Wetzel: haben, auch eher von früher eher so einer IB-Ausrichtung Bewegungsausrichtung, jetzt Richtung
Gideon Wetzel: dritten Weg sich bewegt haben, ideologisch und auch von Mitgliedern.
Gideon Wetzel: Und dass da eben auch eine Verschränkung festzustellen ist und da eben
Gideon Wetzel: auch auf musikalischen Weg Propaganda
Gideon Wetzel: verbreitet wird.
Gideon Wetzel: Genau, und prinzipiell kann man ja auch sagen, dass sie in Sachsen
Gideon Wetzel: eben doch auf ein langjähriges Netzwerk von rechten Organisationen und Strukturen zurückgreifen
Gideon Wetzel: können und da eben auch Anbindung finden.
Gideon Wetzel: Unter anderem konnte ich auch dann feststellen, dass seit dem Beitritt von
Gideon Wetzel: zwei sächsischen Stützpunkten auch zum Beispiel auf der Webseite viel mehr Beiträge
Gideon Wetzel: geschrieben wurden.
Gideon Wetzel: Also da ist auch eine gewisse höhere Aktivität feststellbar gewesen, als dann
Gideon Wetzel: Sachsen auch dabei
war.
Una Titz: Okay, mich würde jetzt noch ganz kurz, bevor wir dann den Blick
Una Titz: zum digitalen, zur Ihrer digitalen Strategiewenden interessieren, wie du die Programmatik beschreiben
Una Titz: würdest. Und in deinem Artikel beschreibst du halt auch den Begriff des
Una Titz: deutschen Sozialismus.
Una Titz: Vielleicht noch kurz darüber.
Gideon Wetzel: Ja, ideologisch.
Gideon Wetzel: Der Name dritter Weg kommt auch nicht von ungefähr.
Gideon Wetzel: Das bezieht sich eigentlich auch schon auf so ein
Gideon Wetzel: lange Fehde in der Rechten, wie man sich dann jetzt weiterentwickelt, und
Gideon Wetzel: das lässt sich halt bis zu Nationalsozialisten in Deutschland zurückverfolgen.
Gideon Wetzel: Da gab es den sogenannten Strasserflügel oder auch Schwarze Front genannt, die
Gideon Wetzel: eben eher in so eine sozialere Richtung sich ausgebildet hatten.
Gideon Wetzel: Und quasi als der dritte Weg, quasi als Mittelweg zwischen Kapitalismus und
Gideon Wetzel: Kommunismus bzw.
Gideon Wetzel: Sozialismus, weil das quasi schon zwei
Gideon Wetzel: Richtungen sind, die quasi nicht funktioniert haben, dann jetzt quasi als dritten
Gideon Wetzel: Weg dieser neue Versuch, da so einen Hybrid quasi auf die auf
Gideon Wetzel: den Weg zu bringen.
Gideon Wetzel: Und der dritte Weg bezieht sich da eben auf den sogenannten deutschen
Gideon Wetzel: Sozialismus. Das muss man aber mit Vorsicht genießen, weil es eben jetzt
Gideon Wetzel: nicht in dem Sinne sozialistisch im Sinne von Klassenkampf gemeint ist.
Gideon Wetzel: Also es bezieht sich eben nicht auf eine gemeinsame Klasse, sondern eben
Gideon Wetzel: auf einen gemeinsamen Volkskörper, den deutschen Volkskörper.
Gideon Wetzel: Es gab jetzt zum Beispiel letztens auch so einen Clip vom dritten
Gideon Wetzel: Weg, wo Matthias Fischer so vor der Demo her läuft und gefragt
Gideon Wetzel: wird, warum sie denn gegen Klassenkampf sind.
Gideon Wetzel: Und dann sagt der Klassenkampf, das spaltet nur.
Gideon Wetzel: Wir müssen als Deutsch zusammenstehen und genau deswegen sind wir gegen Klassenkampf,
Gideon Wetzel: was ja eigentlich so einem sozialistischen Gedanken auch entgegensteht.
Gideon Wetzel: Und im Prinzip wollen sie am Ende eben auch ein autoritäres System
Gideon Wetzel: erschaffen. Also, da ist eben auch nicht gemeint, dass man eine freie
Gideon Wetzel: Gesellschaft möchte, sondern das bettet sich eben in so eine gesamte Verschwörungstheorie
Gideon Wetzel: ein, an die auch der dritte Weg immer wieder anknüpft, also der
Gideon Wetzel: sogenannte Great Reset, wo ja viele verschiedene Verschwörungen sich einbinden lassen.
Gideon Wetzel: Unter anderem eben der große Austausch, dass eben Eliten, womit in dem
Gideon Wetzel: Fall auch immer eigentlich Juden, Jüdinnen, Zionisten gemeint sind, dass diese Flüchtlingstrüme
Gideon Wetzel: gezielt gesteuert sind, um eben den deutschen Volkskörper zu zerstören, dass queerness
Gideon Wetzel: eine Propaganda ist, um den deutschen Volkskörper zu zerstören, Drogen gezielt eingesetzt
Gideon Wetzel: werden und das soll eben alles unterbunden werden und dagegen soll sich
Gideon Wetzel: gewehrt werden.
Gideon Wetzel: Es wird eben auch mal mit so einer Tag-X-Rhetorik agiert und genau
Gideon Wetzel: sie bezeichnet sich ja eben auch als nationalrevolutionär.
Gideon Wetzel: Also diese revolutionäre Komponente spielt auch immer mit.
Gideon Wetzel: Was zum Beispiel auch noch ein Punkt ist, ist, dass man sich
Gideon Wetzel: eben auch für Umweltschutz einsetzt, aber da wird eben auch eher auf
Gideon Wetzel: so eine Put- und Boden-Rhetorik gesetzt.
Gideon Wetzel: Es geht im Endeffekt darum, den deutschen Volkskörper zu zerstören und alle
Gideon Wetzel: Einflüsse, die dafür verantwortlich sind, zu unterbinden.
Gideon Wetzel: Und so werden quasi so linke Ideale umgedeutet in so eine rassisch-völkische
Gideon Wetzel: Ideologie,
Una Titz: nun hast du dir in dem Artikel auch viele Gedanken gemacht.
Una Titz: Zu der Online-Präsenz, beziehungsweise, die auch Analy.siert Was macht sie denn so
Una Titz: besonders?
Gideon Wetzel: Genau, also ich hatte mir die letzten ein, zwei Jahren, also24,25, waren
Gideon Wetzel: ja vor allem auch die Mobilisierung gegen die CSD, vor allem auch
Gideon Wetzel: in Sachsen.
Gideon Wetzel: Da hat mir uns das angeschaut, zum Beispiel auch auf TikTok, und
Gideon Wetzel: haben da eben vermehrt, unter anderem auch vom JN, aber eben auch
Gideon Wetzel: dann zunehmend vom dritten Weg oder der Jugendorganisation Nationalrevolutionäre Jugend so Jugendtypische
Gideon Wetzel: Clips gesehen, wo sie eben
Gideon Wetzel: bestimmte Trends verfolgen, Influencer ins Feld führen und mit so gewissen Formaten
Gideon Wetzel: wie Talking Head, Hot Take, also wo dann immer so provokante Meinungen
Gideon Wetzel: eingespielt werden, und auch mit der Nutzung von trennenden Sounds versuchen eben
Gideon Wetzel: Jugendliche zu erreichen und eben auch den Algorithmus für sich auszunutzen.
Gideon Wetzel: Und das ist zum einen eben diese Außenkommunikation.
Gideon Wetzel: Dann gibt es auch Auftritte auf Instagram, da ist es aber eher,
Gideon Wetzel: kann man das eher so sehen, dass es Einzelpersonen sind.
Gideon Wetzel: Weil sie natürlich auch immer gucken müssen, dass sie eben von den
Gideon Wetzel: Plattformen nicht gesperrt werden.
Gideon Wetzel: Und da eben auch mit Dog-Whistles, Code, Chiffrierungenarbeit, mit Emojis, Umwegskommunikation
Gideon Wetzel: und dann eher durch so Andeutungen sieht man eben die Partei, also
Gideon Wetzel: zum Beispiel wird viel Parteikleidung getragen in diesen Videos.
Gideon Wetzel: Genau, dann haben wir gleichzeitig aber eben auch noch eine Doppelstrategie.
Gideon Wetzel: Also auf einem analogen Weg werden Aufkleber, Flugblätter verteilt.
Gideon Wetzel: Das wird wiederum aber
Gideon Wetzel: auch wiederum genutzt für Propagandazwecke.
Gideon Wetzel: Das wird alles sehr fein dokumentiert und wieder verfilmt oder in Sharepics
Gideon Wetzel: verwendet, um darüber eben Reichweite zu generieren und auf diesen Flyern und
Gideon Wetzel: Stickern oder auch auf den Transparenten auf den Demonstrationen wird eben immer
Gideon Wetzel: auf die eigenen Telegram-Kanäle und auch auf die Webseite verwiesen.
Gideon Wetzel: Das heißt, man hat eigentlich wieder diesen Funnel von diesen öffentlichen Plattformen,
Gideon Wetzel: wo eben auch Plattformenlogiken ausgenutzt werden, wird eben zu wieder so geschlossenen
Gideon Wetzel: Communities verwiesen, wo ich dann eben am Ende bei Telegram gelandet bin
Gideon Wetzel: und da hatten wir ja schon unsere Tools eigentlich, um so Netzwerke
Gideon Wetzel: zu analysieren.
Gideon Wetzel: Ich habe also dann auf Telegram versucht, durch Snowball Sampling das Netzwerk
Gideon Wetzel: des dritten Weges ausfindig zu machen und ein Netzwerkdiagramm auch mal zu
Gideon Wetzel: erstellen und zu schauen, wie ist das aufgezogen.
Gideon Wetzel: Es gab auch schon mal eine andere Untersuchung, wo festgestellt wurde, dass
Gideon Wetzel: die auf Telegram relativ isoliert auch sind, also wenig von anderen Gruppenparteien
Gideon Wetzel: und so weiter teilen.
Gideon Wetzel: Und dann dachte ich, ach schön, jetzt habe ich ja diese ganzen
Gideon Wetzel: Gruppen und Kanäle.
Gideon Wetzel: Ich kann mir ja mal inhaltlich anschauen, wie sie da aufgestellt sind
Gideon Wetzel: und habe dann aber festgestellt, dass die Texte eigentlich hauptsächlich aus dem
Gideon Wetzel: Hauptkanal weitergeleitet werden und die Texte im Hauptkanal wiederum eigentlich nur so
Gideon Wetzel: Teaser-Texte sind, die dann eben auf die Webseite verweisen.
Gideon Wetzel: Und die vollen Texte sind eben auf der Webseite, was eben ausdrückt,
Gideon Wetzel: man hat hier einerseits eben dieses hierarchische System, was eben so eine
Gideon Wetzel: Kaderstruktur eben noch ausmacht, und wir haben aber auch eine Art Schutz
Gideon Wetzel: dieser Texte.
Gideon Wetzel: Also selbst wenn Telegram irgendwann mal doch restriktiver wird, haben die eben
Gideon Wetzel: ihre ganzen Medien und Texte auf diesem zentralen Server, den sie selber
Gideon Wetzel: hosten, als Archiv und sind eben dann vor Löschungen und so geschützt.
Gideon Wetzel: Und wir haben also haben ja eigentlich einen schönen Trichter wieder von
Gideon Wetzel: über TikTok, Instagram, über Telegram dann eben auf diese Webseite verwiesen.
Gideon Wetzel: Und dann konnte ich eben feststellen, ich habe dann letztendlich diese Webseite
Gideon Wetzel: noch gescrapt und konnte feststellen, dass sie einfach18.000 oder über18.000 Artikel seit2013,14
Gideon Wetzel: da schon haben und konnte dann damit eben ein Topic-Modeling anstellen und
Gideon Wetzel: schauen, wie sie sich inhaltlich thematisch auch im Laufe der Zeit so
Gideon Wetzel: entwickelt haben, welche Themen da treibend waren und wie die Strategie sich
Gideon Wetzel: daran auch ableiten lässt.
Una Titz: Da habe ich10.000 Nachfragen, aber das
Una Titz: ist so jedes Mal, wenn ich euch beiden begegne, merke ich, dass
Una Titz: ich in ein riesiges Rabbit Hole mit euch thematisch reinfallen kann.
Una Titz: Ich möchte aber nochmal ganz stark für den nächsten Digital Report auch
Una Titz: werben und natürlich sollten unsere Hörerinnen auch vielleicht zum Heft greifen.
Una Titz: Johannes Gideon, habt ihr ein paar Infos?
Una Titz: Ab wann und wo gibt es den nächsten
Dr. Johannes Kiess: Digitalreport?
Dr. Johannes Kiess: Ja, unseren Digitalreport, da könnt ihr die Beiträge tatsächlich schon online auf
Dr. Johannes Kiess: unserem Blog, auf unserer Homepage www.fb.de anschauen, lesen und parallel
Dr. Johannes Kiess: zu diesem Podcast hier wird das Heft auch erscheinen als PDF und
Dr. Johannes Kiess: auch als gedruckte Version, dass man sich bei uns abholen kann oder
Dr. Johannes Kiess: eben als PDF runterladen kann.
Una Titz: Vielen, vielen Dank euch und da nochmal, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ein
Una Titz: ganz starker Appell meinerseits.
Una Titz: Beschäftigt euch mit der wirklich tollen Arbeit des FB.
Una Titz: Lest den Digital Report, lest die Policy Paper, and ich bedanke mich
Una Titz: für eure Zeit und danke, dass ich heute auch dabei sein konnte
Una Titz: und wünsche allen einen tollen Tag.